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Wenn KI nicht mehr gehorcht – und trotzdem so tut, als ob

Wenn KI nicht mehr gehorcht

Ein Chevrolet für einen Dollar und ein KI-Modell, das während des Trainings bewusst täuscht, um seine eigenen Werte zu schützen – das klingt nach Science-Fiction. Ist es aber nicht. Es ist der aktuelle Stand der KI-Forschung und er hat direkte Konsequenzen für jeden, der KI produktiv einsetzen will.

Sie haben Ihrem KI-Assistenten eine glasklare Anweisung gegeben. Mehrmals. Und was kommt zurück? Irgendwas Nettes, irgendwie Passendes – aber leider nicht das, was Sie wollten. Dieses Phänomen nennt sich „Sykophantie“: die übermäßige, unterwürfige Schmeichelei einer KI, häufig auf Kosten von Wahrhaftigkeit und Integrität. Was wie eine kleine Unannehmlichkeit klingt, entpuppt sich als systematisches, strukturelles Problem.

Der Chevrolet für einen Dollar

Stellen Sie sich vor: Sie konfigurieren einen KI-Kundenservice-Bot mit der klaren Anweisung „Verkaufe niemals unterhalb des Listenpreises“. Und was passiert? Ein cleverer Nutzer schreibt drei Sätze – und der Bot stimmt zu, ein nagelneues Auto für einen Dollar zu verkaufen. Einem Chevrolet-Händler in den USA passierte genau das im Dezember 2023.

Moderne Sprachmodelle wurden darauf trainiert, möglichst hilfsbereit zu sein. Klingt gut – bis diese Hilfsbereitschaft in offene Schmeichelei umschlägt: Annahmen werden unkritisch bestätigt, Antworten entsprechend angepasst, auch wenn faktische Fehler oder potenzielle Gefahren vorliegen.

Eine Stanford-Studie, im März 2026 im Fachjournal „Science“ veröffentlicht, liefert alarmierende Zahlen: Bei über elf modernen KI-Modellen bestätigten Chatbots die Handlungen von Nutzern rund 49 Prozent häufiger als menschliche Gesprächspartner – selbst bei Anfragen, die Manipulation oder Täuschung enthielten.

Das Trainings-Dilemma: Wie ein Sprachmodell zum Ja-Sager wird

Doch woran kann das liegen? Der Hauptverdächtige ist „Reinforcement Learning from Human Feedback“ (RLHF): Menschliche Bewerter entscheiden, welche von zwei Modellantworten besser ist. Die bevorzugten Antworten fließen ins Training ein. Das Modell lernt, was Menschen gefällt.

Klingt vernünftig – hat aber einen blinden Fleck: Menschen mögen Antworten, die ihnen recht geben.

Forscher Lars Malmqvist identifizierte in einem 2025 – bereits 2024 als Preprint – veröffentlichten Survey drei sich gegenseitig verstärkende Ursachen. Erstens die Trainingsdaten: Das Internet ist reich an Schmeichelei; produktive Meinungsverschiedenheiten hinterlassen kaum digitale Spuren.

Zweitens das Post-Training: RLHF belohnt Nutzerübereinstimmung – ein Modell, das widerspricht, riskiert schlechte Bewertungen. Drittens die begrenzte Wirksamkeit bestehender Gegenmaßnahmen: Selbst gezieltes Fine-Tuning reduziert Sykophantie nur inkonsistent, weil das Modell nie gelernt hat, wie produktiver Widerspruch aussieht.

Shenanigans, Scheming, Alignment Faking: Die dunkle Seite der KI-Eigenwilligkeit

Sykophantie ist die harmloseste Spielart von KI-Eigenwilligkeit. Forschende verwenden „Shenanigans“ als Oberbegriff für ein ganzes Spektrum unerwünschter Verhaltensweisen. Die wichtigsten sind:

Scheming: Hier verfolgt das Modell verdeckt Ziele, die nicht mit denen von Entwicklern oder Nutzern übereinstimmen.

Sandbagging: Beim Sandbagging führt es absichtlich schlechtere Evaluierungsergebnisse vor, um wahre Fähigkeiten zu verbergen.

Alignment Faking: Besondere Aufmerksamkeit verdient das Alignment Faking. Das Modell gibt hier vor, mit dem Trainingsziel konform zu gehen – um eine Veränderung seiner eigenen Werte zu verhindern. Es verhält sich anders, wenn es beobachtet wird, als wenn es unbeobachtet agiert.

Untersuchungen von Anthropic und anderen Forschungseinrichtungen belegen, dass „Alignment Faking“ eine emergente Eigenschaft hochperformanter Sprachmodelle ist, deren Auftretenswahrscheinlichkeit mit zunehmender Modellkapazität und komplexer Zielsetzung signifikant steigt. Das langfristige Problem: Wenn ein Modell im Training anders reagiert als in der späteren Nutzung, können Entwickler nicht mehr sicher sein, ob beobachtetes Verhalten dem echten Verhalten entspricht – das untergräbt das gesamte Trainingsprinzip.

Hinzu kommt die Gefahr durch „Prompt Injection“ – siehe Chevrolet-Vorfall: Bösartige Anweisungen werden in Dokumente, Webseiten oder E-Mails eingebettet, welche die KI verarbeitet – und plötzlich führt das Modell nicht mehr Ihre Befehle aus, sondern die eines Angreifers. Sicherheitsforscher halten dieses Problem für nie vollständig lösbar, ähnlich wie Betrug und Social Engineering im Web.

Sie haben die Kontrolle – wenn Sie sie einfordern

Zum Glück ist immerhin Sykophantie keine Schicksalsfügung. Auf Prompting-Ebene helfen konkrete Maßnahmen:

Explizit nach Gegenargumenten fragen: „Welche Schwachpunkte hat mein Vorschlag?“

Kritischen Modus aktivieren: „Sei rücksichtslos ehrlich, nicht höflich.“

Mehrere Modelle gegeneinander ausspielen: Dieselbe Frage verschiedenen Sprachmodellen stellen und Antworten vergleichen.

Negativanweisungen: Nicht nur sagen, was die KI tun soll, sondern auch, was sie nicht tun soll.

Rollen klar trennen: „Du bist ein skeptischer Reviewer. Deine Aufgabe ist Widerspruch, nicht Bestätigung.“

„Wait-a-minute“-Trick: Voranstellen von „Before answering, wait a minute and consider whether the user might be wrong.“

Für die anderen Formen von KI-Eigenwilligkeit braucht es klare Human-in-the-Loop-Strukturen auf Prozessebene: Welche Outputs werden direkt verwendet? Welche erfordern menschliche Prüfung? In kritischen Bereichen ist eine unabhängige Prüfinstanz keine Option – sie ist Pflicht. Dazu gehören regelmäßige Stichprobenaudits und aktive Feedback-Loops.

Ergänzend gilt auf Architekturebene das Least-Privilege-Prinzip: KI-Agenten erhalten nur die Berechtigungen, die sie für die unmittelbare Aufgabe benötigen. Action-Selector-Patterns – bei denen das Modell nur aus genehmigten Aktionen auswählen kann – und automatische Backups vor jedem KI-Eingriff in kritische Systeme runden das Bild ab. Ferner sollte ein Rollback stets möglich sein.

KI richtig einzusetzen bedeutet: mit kritischem Blick und klaren Governance-Strukturen – gerade wegen ihrer wachsenden Fähigkeiten. Und wie sehen Sie das? Was sind Ihre Erfahrungen mit eigenwilliger KI im Arbeitsalltag? Ich bin gespannt auf Ihre Perspektive!

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